Weitere Klassiker und Texte

Aus dem Chinesischen von Martin Bödicker
.
Wichtige Punkte beim Üben der Form und des Pushhands

Li Yiyu

Ein früherer Meister sagte:

Beherrscht man "Führe den anderen in die Leere", so beherrscht man auch "Mit der Wirkung von vier Unzen kann man mühelos tausend Pfund bewegen". Beherrscht man "Führe den anderen in die Leere" aber nicht, so wird man auch "Mit der Wirkung von vier Unzen kann man mühelos tausend Pfund bewegen" nicht beherrschen können.

Diese Worte fassen vieles zusammen, aber ein Anfänger wird sie nur schwer verstehen. Daher möchte ich sie hier so erklären, dass man sie verstehen und nach langem täglichen Training auch verwirklichen kann.

Möchte man "Führe den anderen in die Leere" und "Mit der Wirkung von vier Unzen kann man mühelos tausend Pfund bewegen" beherrschen, so muss man zuerst sich selbst und den anderen kennen.

Möchte man sich selbst und den anderen kennen, so muss man zuerst sein selbst aufgeben und dem anderen folgen.

Möchte man sein selbst aufgeben und dem anderen folgen, so muss man zuerst die günstige Gelegenheit und den strategischen Vorteil erlangen.

Möchte man die günstige Gelegenheit und den strategischen Vorteil erlangen, so muss man zuerst den eigenen Körper zu einer Einheit werden lassen.

Möchte man den eigenen Körper zu einer Einheit werden lassen, so muss man zuerst dafür sorgen, dass der Körper fehlerfrei agiert.

Möchte man dafür sorgen, dass der Körper fehlerfrei agiert, so muss man Geist und Qi aktivieren.

Möchte man Geist und Qi aktivieren, so muss man zuerst die Lebenskraft anheben.

Möchte man die Lebenskraft anheben, so muss man zuerst den Geist davor bewahren, sich außen zu zerstreuen.

Möchte man den Geist davor bewahren, sich außen zu zerstreuen, so muss man zuerst Geist und Qi in den Knochen sammeln.

Möchte man Geist und Qi in den Knochen sammeln, so müssen zuerst die Oberschenkel voller Kraft und die Schultern entspannt sein und das Qi muss nach unten sinken.

Die jin-Kraft entspringt den Fersen, wird in den Beinen umgewandelt, in der Brust gespeichert, durch die Hände ausgedruckt und von der Taille beherrscht. Oben arbeiten die Arme zusammen. Unten folgen die Beine einander. Die jin-Kraft wird innen gewandelt.

Erhalten ist Schließen. Abgeben ist Öffnen. Wenn etwas ruht, ruht alles. Ruhe ist Schließen. In der Mitte des Schließens findet sich Öffnen. Wenn sich etwas bewegt, bewegt sich alles. Bewegung ist Öffnen. In der Mitte des Öffnens findet sich Schließen.

Kommt es zum Kontakt, kann man ganz frei drehen und alles ist voller Kraft. Jetzt kann man "Führe den anderen in die Leere" und "Mit der Wirkung von vier Unzen kann man mühelos tausend Pfund bewegen" beherrschen.

Beim täglichen Üben der Form arbeitet man am Kennen des selbst. Beim Bewegen durch die Stellungen muss der ganze Körper mit den obigen Prinzipien übereinstimmen. Weicht man nur ein wenig ab, muss man es sofort korrigieren. Damit dies möglich ist, sollte man die Form eher langsam, als schnell ausführen.
Beim Pushhands arbeitet man am Kennen des anderen. Seine Ruhe und seine Bewegung müssen genau bestimmt werden. Aber man muss auch sich selbst hinterfragen. Hat man sich selbst gut unter Kontrolle, gilt:

Nähert sich der andere mir, muss ich nicht gegen ihn arbeiten, sondern ich folge seiner Kraft und trete ein. Dann übernehme ich seine Kraft und er wird verlieren. Hat man keine starke Stellung erreicht, liegt das an doppelter Schwere und mangelnden Neutralisieren. Man muss dann nach Yin und Yang, sowie Öffnen und Schließen suchen.

In der Kunst des Krieges heißt es:

Wer sich selbst und den anderen kennt, wird von einhundert Schlachten einhundert gewinnen.
.
.
Zur Kunst des Tai Chi Chuan

Grenzenlos ist die Kunst des Tai Chi Chuan.
Beim Erlernen ist Wahrhaftigkeit der Leitgedanke.

Für Jahre muss man sich dem Lernen völlig hingeben -
mit ganzem Willen und konzentriertem Geist.

Man beginnt, indem man einem Meister folgt
und schreitet voran, durch Austausch mit den Gefährten.

In Folge von Förderung, Hilfe und Ermunterung
wird man langsam aber sicher zu verstehen beginnen.

Nach einer Schicht dringt man tiefer ein in die nächste
und die nächste und die nächste, ohne Ende.

Das Sich-Eröffnen folgt dem Verschlossen-Sein.
Öffnen und Schließen vervollständigen einander.

Das Tai Chi Chuan zieht einen völlig in seinen Bann
und selbst, wenn man es aufhören wollte, man kann es nicht.

Je besser es anzusehen ist,
desto mehr ist noch zu tun.

Eines Tages erlangt man die Erleuchtung
und dann kann man alles durchdringen.
.
.
Das Lied der Geheimnisse
Nach Meister Li
 
Ohne Form und ohne Gestalt.
Der ganze Körper ist erfüllt von Leere.
Sei ganz natürlich.
Glocken hängen in den westlichen Bergen.
Das Gebrüll des Tigers und der Schrei des Affen.
Die klare Quelle und der ruhige Fluss.
Lenke den Strom und zerstreue das Meer.
Vollende deine innere Natur und finde inneren Frieden.

 

 

Die drei Stufen beim Training des Tai Chi Chuan

Hao Weizhen

Beim Training des Tai Chi Chuan gibt es drei Stufen.

1. Stufe: In der Anfangsstufe des Trainings ist es, als wäre man mit dem Körper unter Wasser und die Füße stehen auf dem Boden. Der Körper, die Hände und die Füße bewegen sich, als müssten sie ständig gegen den Wasserdruck anarbeiten.

2. Stufe: Der Körper, die Hände und die Füße bewegen sich, als sei man im Wasser, aber die Füße berühren den Boden nicht mehr. Man ist viel mehr wie ein Langstreckenschwimmer, der ganz elegant durch das Wasser gleitet.

3. Stufe: Der Körper wird noch leichter und gewandter und die Füße scheinen auf der Wasseroberfläche zu wandeln. Erreicht man dieses Niveau, muss man behutsam und vorsichtig sein, als stünde man an einem Abgrund oder ginge über Eis. Man darf kein bisschen leichtsinnig werden. Wenn Geist und Qi auch nur ein wenig in Unordnung geraten, muss man befürchten, im Wasser zu versinken.

 

 

Ziele im Tai Chi Chuan

Hu Jingzi

Das große Ziel des Tai Chi Chuan ist die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Das kleine Ziel ist die Entwicklung von kämpferischen Fähigkeiten. Um seinem Schicksal zu entsprechen, muss man seinen Körper mit Qi füllen können. Entspricht man seinem Schicksal, dann kann man seine innere Natur vervollkommnen und letztlich den Geist wandeln. Vom Sohn des Himmels bis zum einfachen Mann, wie könnte dies nicht zu wahrhaftigen Gedanken, zu einem geradlinigen Herzen und zu einer kultivierten Persönlichkeit führen?

Spätere Generationen dürfen die klassischen Texte auf keinen Fall leichtfertig weitergeben, denn es gibt Menschen, die dieses Wissen nicht erhalten sollten. Aber warum haben dann die alten Meister die klassischen Texte an uns weitergegeben? Es hat nichts mit Freundschaft oder Familienzugehörigkeit zu tun, sondern nur mit würdig sein.

Man muss die Leistungen der alten Meister respektieren und darf es nicht wagen, ihre Kunst unüberlegt weiterzugeben. Wenn man der nächsten Generation diese Kunst übermitteln möchte, muss man sein ganzes Herzblut einsetzen, ganz so, wie es die alten Meister taten.

 

 

 

Zehn Arten von Menschen, die man nicht unterrichten sollte

Nach Hu Jingzi

1. Unterrichte niemanden, der eine andere Kunst lernt.
2. Unterrichte niemanden, der keine Tugend besitzt.
3. Unterrichte niemanden, der das Dao von Lehrer und Schüler nicht kennt.
4. Unterrichte niemanden, der schwer versteht.
5. Unterrichte niemanden, der schon mit der Hälfte zufrieden ist.
6. Unterrichte niemanden, der den Schatz erhalten kann, aber den Lehrer vergessen wird.
7. Unterrichte niemanden, der kein reines Herz hat.
8. Unterrichte niemanden, der leicht zornig wird.
9. Unterrichte niemanden, der den weltlichen Begierden zu sehr zugewandt ist.
10. Unterrichte niemanden, der leicht überfordert ist.

 

 

Vier Enthaltungen

 

Nach Hu Jingzi

1. Trink nicht zuviel Alkohol.
2. Sex sollte nur zwischen Ehemann und Ehefrau stattfinden. Lass dich nicht verführen.
3. Erwerbe keinen unmoralischen Reichtum.
4. Lebe ausgewogen und versuche nicht zu erlangen, was dir nicht bestimmt ist.

 

 

Drei kleine Enthaltungen beim Studium

 

Nach Hu Jingzi

1. Iss nicht zuviel.
2. Trink nicht zuviel.
3. Schlaf nicht zuviel.

 

 

Ein kleiner Klassiker

 

Autor unbekannt

 

Das Tai Chi Chuan ist wirklich zu rühmen.
Seine endlose Wandlungen sind einzigartig.

Seine Qualität liegt ganz im Leihen der Kraft des anderen -
ganz vorsichtig, ohne ihn leichtfertig zu ergreifen.